Menschen mit Mut – Teil 9: Klaus Mauch von der Insilico Biotechnology AG

Über „smarte Biofabriken“ sprach ich mit Klaus Mauch, Gründer und Vorstand der Insilico Biotechnology AG im Rahmen meiner Reihe „Menschen mit Mut“. Er gab mir Einblick in die Welt der Biotechnologie, die sich zellulärer und biomolekularer Prozesse bedient, um Technologien und Produkte zu entwickeln, die dem Menschen und der Umwelt dienlich sind. ‚In silico‘  beschreibt computerbasierte und mathematische Modelle, mit denen biochemische, physiologische, pharmakologische und toxikologische Vorgänge virtuell simuliert werden können. Herzstück des 2003 gegründete Unternehmen ist heute eine Plattform für skalierbare digitale Zwillinge unter Nutzung Künstlicher Intelligenz für die Biopharmazie. Die digitalen Zwillinge simulieren den Prozess, den die digitalisierten Zellen in mehreren Tagen oder gar Wochen in Labor und Produktion vollziehen, in wenigen Millisekunden. So können optimale Produktionsbedingungen frühzeitig realisiert werden, die biotechnologische Produktion von Medikamenten korrigiert oder wenn nötig, neu aufgesetzt werden. Dieser Zeitgewinn beschleunigt die Entwicklung neuer Produkte, spart Geld und bringt Pharmaunternehmen klare Wettbewerbsvorteile durch bessere Produktqualität. Das Video zum Gespräch finden Sie am Ende des Textes.

Initialzündung:

Während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität Stuttgart erkannte Klaus Mauch beim täglichen Umgang mit neuen digitalen Technologien, dass sich in diesem Zusammenhang eine Vielzahl an neuen Geschäftsfeldern auftun würde. Diese Chance wollte er nutzen und entschied sich, sein Unternehmen zu gründen. 2003 zunächst als GmbH, 2006 dann die Umwandlung in eine AG. Mittlerweile sind in Stuttgart, Singapur und Boston 30 hochqualifizierte Mitarbeiter tätig.

Herausforderungen:

Das Unternehmen hat sich mehrfach gehäutet, sein Geschäftsmodell angepasst, die Technologie zweimal radikal verändert.

Neue Technologien ermöglichen Fortschritte, gerade im Bereich der Pharmatechnologie, an die vor wenigen Jahren noch nicht zu denken war. So ist es heute schon möglich, Medikamente immer weiter an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen. Ein Schritt, der mit chemischen Prozessen nicht möglich ist und nur durch biotechnologische Prozesse realisiert werden kann. Über kurz oder lang, so Klaus Mauch, wird es personalisierte Medikamente geben, die eine Therapie ermöglichen, die medikamentös zu 100% auf den einzelnen Patienten zugeschnitten ist.

In einem Markt, der so schnell wächst wie die Biotechnologie, ist es für kleine Unternehmen nicht einfach, Schritt halten zu können. Bei der Wachstumsfinanzierung stoßen Firmen in Deutschland schnell an ihre Grenzen.  Mauch zieht den Vergleich mit den USA, wo Investoren deutlich risikobereiter mit ihren Invests sind. Während man in Deutschland Scheitern negativ betrachtet, ist dies in den USA kein Makel, sondern etwas völlig Normales. Investoren gehen davon aus, dass nur ein Teil ihrer Investments Erfolg hat. In der digitalen Welt gilt mehr denn je: Zeit ist Geld. Und wer nicht schnell genug an Kapital kommt, wird überholt von kapitalstärkeren Wettbewerbern. Kritisch sieht er insbesondere die Phase, in der das Unternehmen die Seed-Phase verlassen hat und Beteiligungskapital für weiteres Wachstum. benötigt.

Wünsche an die Politik:

Klaus Mauch sieht die Politik in der Pflicht, eine Kultur zu schaffen, in der sich  Menschen trauen, ihre eigenen Ideen umzusetzen und Firmen zu gründen. Der „Mut zum Scheitern“ müsse auch von politischer Seite gefördert werden, wenn man den Strukturwandel in Baden-Württemberg schaffen wolle. Gerade in den Hochschulen und Instituten des Landes gäbe es viel Know-How, das in mehr Gründungen münden müsste.

Mein Resumée:

Anwendungsfelder neuer Technologien erkennen,eine passende Geschäftsidee entwickeln und starten. Das kennzeichnet Unternehmertum. Unternehmertum ist ein Prozess und nicht selten wird man das erste Geschäftsmodell ändern oder anpassen müssen, um am Markt erfolgreich zu sein. Wir Politiker haben die Aufgabe, ein Klima fördern, das den Einzelnen in seinen Vorhaben stärkt und einen Rahmen schaffen, der Scheitern nicht bestraft. Baden-Württemberg braucht im Kapitalmarkt mehr Akteure mit weniger Sicherheitsdenken und mehr professionell begleiteter Risikobereitschaft.